Da hilft nur noch beten by Horst Bosetzky & -ky

Da hilft nur noch beten by Horst Bosetzky & -ky

Author:Horst Bosetzky & -ky [Bosetzky, Horst & -ky]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-02-14T23:00:00+00:00


10.

Mannhardt wirbelte in Jessicas Wohnung herum, als trainierte er dafür, Hausmann des Jahres zu werden, räumte auf und saugte Staub, scheuerte Kloschüssel und Waschbecken derart blitzblank, daß es für jeden Werbespot gereicht hätte, reinigte Töpfe, Pfannen, Herd und Spüle und stopfte alles, was sie seit gestern abend wild verstreut hatten, in Schränke und Laden zurück, tat das alles wütend, penibel und hektisch, gleichermaßen aber auch irgendwie beschwingt und lässig, fragte sich ununterbrochen, warum denn das so war. Wollte er Jessica zeigen, wie tüchtig er war? Wollte er, indem er innen Ordnung schuf, die Außenwelt dazu anregen, auch ihrerseits wieder Ordnung zu schaffen, also für Yemayás Rückkehr zu sorgen? Wollte er mit diesem Aktionismus einen erneuten Kurzschluß in seiner eigenen Psyche verhindern?

Denn ein jedesmal, wenn er Jessica sah, wurde er schmerzhaft an seine Zeit in der psychiatrischen Klinik erinnert. Seit über einer Stunde saß sie nun starr und aufrecht da, schien mit unsichtbaren Schnüren fest an die hohe Lehne ihres hölzernen Stuhles gebunden, ließ ihn, zumal das Stück von einer Hazienda kam, an Indio-Frauen denken, wie sie gottergeben auf den Märkten hockten, vor allem aber bestimmte Patientinnen, denen er begegnet war. Ausreichend autodidaktisch gebildet, konnte er sofort die Diagnose Stupor stellen, bewegungsloser Zustand. Antriebslosigkeit, Impulsverlust als Folge einer schweren Schreckreaktion. Patientin ißt nicht, spricht nicht, reagiert auf keine Außenreize, ist jedoch noch immer bei vollem Bewußtsein. Sie war ihm ja schon immer als manisch-depressiver Mensch erschienen, und das traumatische Erlebnis von gestern hatte die depressiven Symptome ganz offenbar um ein Vielfaches verstärkt. Eher manisch einzuordnen war ihr Ausbruch als tragische Euripides-Figur, als Hekabe, wo sie ihn an eine schmächtigdunkelhaarige Frau erinnerte, die Tobsuchts-Uschi vom Haus IV, die während ihrer Anfälle immer alles zerrissen und zerschlagen hatte. Jetzt allerdings, mit der Veragutschen Falte, dem Knick im Oberlid, grau und farblos im Gesicht, voller leerer Angst, im dauernden Weinen ohne jede Träne, da wirkte sie auf ihn wie Oma Schmoll, eine Bäuerin vom Rande des Moors, der ein abgestürzter Düsenjäger in Sekunden ihre fünfköpfige Familie ausgelöscht hatte.

Kam die Nachricht vom Tod ihrer Tochter, dann war für Jessica schnellstmöglich ein Platz in einer Klinik zu suchen, und wenn sie bei ihm in Bramme war, konnte er sie immer besuchen.

Während er im Flur eine durchgebrannte Glühbirne auswechselte, war er für Minuten wieder auf dem ausgedehnten Klinikgelände, sah Jochen Schmittchen, wie ihn seine großen epileptischen Anfälle blitzartig trafen und zu Boden warfen, zucken ließen und schreien, als hinge er an einem Starkstromkabel, bis er dann endlich das Bewußtsein verlor und in einen viele Stunden dauernden Dämmerzustand verfiel; mußte er an Trudchen denken, die in ihren postepileptischen Dämmerzuständen immer in religiöse Ekstase verfiel, Halluzinationen hatte und beim Jüngsten Gericht anwesend war; hatte auch Professor B. vor Augen, einen echten Hochschullehrer, Krankheitsbild Katatonie, der immer Stimmen aus dem Weltall hörte, die ihm befahlen, eine neue Arche Noah zu bauen, und jede Ansammlung von mehr als drei Menschen sofort nutzte, von seiner großen Mission zu reden und die Leute um Spenden anzubetteln; hörte Jens-Otto, einen Imbezillen, leicht mikrozephal, wie



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